ERINNERUNG
Ein Auszug aus dem Themenheft der Zeitschrift „etcetera“, HG Eva Riebler anlässlich des Festivals TANGENTE St. Pölten
Im Mai/Juni 2024
Wann sieht man die Erinnerung?
Robert Streibel
Robert Streibel
Das ist keine Frage des Kalenders. Sie kommt nicht einfach so wie eben Weihnachten jedes Jahr kommt oder der Jahreswechsel. Manche leben mit ihr, manche haben sie zu ihrem Beruf erkoren für nicht wenige ist sie lästig. Wie lange braucht es bis wir die Erinnerung sehen. Bis jetzt ist alles in ein mystischen Dunkel gehüllt. Doch knipsen wir das Licht an, und ich sage worum es geht: Nationalsozialismus. Dieser Einstieg liefert sofort auch ein anschauliches Beispiel. Wir brauchen die Sprache um kommunizieren und unsere Gedanken austauschen zu können.
Ich weiß nicht, ob es eine Untersuchung über das Passivum gibt und wie und wie oft es verwendet wird. Das Passiv bietet einen besonderen Schutz und ist fast so beruhigend wie das mystische Dunkel. Was ich damit meine?: „Ist ums Leben gekommen.“ „Der Krieg ist ausgebrochen“, „Als der Krieg vorbei war“. So formuliert regiert die Natur oder etwas, dass wir nicht beeinflussen können. Es ist eben so mit dem Leben und dem Sterben. Wenn jedoch gesagt wird „ist ermordet worden“, oder „der der Krieg begann mit einem Überfall“, „der Krieg wurde provoziert“, das lässt doch gleich zusammenzucken. In der Zeit des Nationalsozialismus sind Menschen ums Leben gekommen, aber es wurde auch getötet, millionfach. Unter Historiker*innen gibt es einen Streit, ob für im Ghetto Theresienstadt Gestorbene, ums Leben kamen, starben oder auch ermordet wurden der richtige Terminus ist.
Mit der Sprache ist das so eine Sache. Und weil ich am Beginn mit dem mystischen Dunkel gespielt habe. Ich muss es jetzt einfach nennen. Wie oft wird von der dunklen Zeit gesprochen, in manchen Reden wird nur von der dunklen Zeit gesprochen und nie das Licht angeknipst und Nationalsozialismus gesagt. Die dunkle Zeit hat ihre guten Seiten, nicht wenige fürchten sich im Dunkeln und im Dunkeln sehen wir bekanntlich nicht viel oder fast nichts, also wer die Opfer und wer die Täter waren und wer bloß zugeschaut hat, das erkennen wir nicht in der Dunkelheit und daher wird so gerne von der dunklen Zeit gesprochen und in diesem Sinne ist es beruhigender wenn jemand ums Leben kommt als wenn er ermordet wurde. Zum Schluss noch die Formulierung von den „unschuldigen Opfern“ und dann wären da noch die Mitbewohner oder auch Mitbürger. Warum nicht Bürger*innen?
Wie lange braucht es bis die Erinnerung sichtbar wird?
In Sachen Erinnerung an den Nationalsozialismus ist das natürlich trotzdem nicht ganz so einfach. Es ist nichts passiert, nie erinnert worden. Das stimmt einfach nicht. Es gab die Zeit als Österreich von den vier Alliierten besetzt war und es gibt verschiedene Phasen in Sachen Erinnerung an den Natonalsozialismus: Die erste zwischen 1945-1948, danach war ein Wendepunkt sicher 1955: der Staatsvertrag, dann sicherlich die Waldheimdebatte 1986 und zuletzt noch die Schwarze-Blau Koalition 2000. In diesen Phasen ist etwas passiert oder nicht passiert. Bis zur Etablierung der Historikerkommission 1998 waren viele Akten einfach nicht zugänglich.
Die Erinnerung wird nicht von alleine sichtbar, es braucht Akteur*innen, selten ist es so, dass Städte, Gemeinden, Vereine von sich aus aktiv werden und sagen: Wir haben ein Jubiläum und jetzt wollen wir der ganzen Geschichte gedenken. Mir ist es selten aber doch passiert, dass jemand gemeint hat, er will zum Beispiel die Geschichte eines Hauses aber die gesamte Geschichte auch jene zwischen 1938 und 1945 inklusive, wie im Fall des Hauses in der Weihburggasse und der Teinfaltstraße 3. Aber es gibt Beispiele, wo eine Gemeinde, die Gemeinde Sittendorf 1999 für die Chronik des Ortes die Geschichte eines Barackenlagers für Zwangsarbeiter, die auch beim Reichsautobahnbau eingesetzt waren, in Auftrag gegeben hat.
In vielen Fällen ist öffentliche Erinnerung eine Reaktion auf Druck von außen, von Einzelpersonen, von Organisationen, Medien. Ich kann davon ein Lied singen zum Beispiel über Krems, wie lange es gedauert hat bis Erinnerung sichtbar wurde. Vor vier, fünf Jahren hat in Krems ein Umdenkungsprozess begonnen, spätesten 2024 kann gesagt werden „Krems: Das Ende der Verdrängung“ mit der Errichtung der Erinnerungspfades „Krems macht Geschichte“ durch die Stadt. Für diesen Erinnerungsweg konnte ich die Basisarbeit leisten und an der Entwicklung mitarbeiten.
Ich bin nun seit 30 Jahren in Sachen Erinnerung in Bezug auf verschiedene Themenfelder aktiv, ich kann für Vieles Beispiele, für Verdrängung und Desinteresse, für Konflikte (Hadersdorf, Gedenken an die Opfer des Massakers vom 7. April 1945) mit oder ohne Happy End (Der Wein des Vergessens Winzergenossenschaft Krems & Arisierung),
Wenn ich gesagt habe wer genau hinsieht, der beginnt sich oft zu wundern Zum Schluss bringe ich die Geschichte mit dem PEN Club. Da wurde 2023 das 100 Jahre Jubiläum, der altehrwürdigen Schriftstellervereinigung „Poets, Essayists, Novelists begangen. Bei der Vorbereitung zum 100 Jahr Jubiläum habe ich nur nebenbei gefragt, ob es eigentlich eine Liste der Opfer gibt, und es war wieder Zeit zum Wundern. Nein. Und es war auch nichts geplant in dieser Sache, Erinnerung war nicht vorgesehen. Jetzt gibt es eine Ausstellung und ein kleines Büchlein: „Wie sehr sie uns fehlen“, das ich herausgeben konnte und erstmals alle ermordeten oder vertriebenen Autorinnen und Autoren mit Ausschnitten aus ihren Texten auflistet.
Literatur
Wie sehr Sie uns fehlen
PEN-Autor*innen in der NS-Zeit Robert Streibel (Hg.)
Korrektur Verlag 286 Seiten; € 19,80
Robert Streibel
Krems – Das Ende der Verdrängung
512 Seiten, Hardcover, € 38,00